1.Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen. Dir allein, Höchster gebühren sie, und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.
Dieser Anfang ist wie ein Gongschlag und handelt vom Grundton, auf dem der Sonnengesang aufbaut. Es ist kein Gedicht, sondern ein betrachtendes Gebet, in dem zuallererst Gott, der Schöpfer, der Höchste, Allmächtige und gute Herr gelobt und gepriesen wird.
Was der Grundton in der abendländischen Musik ist, will Gott für die ganze Schöpfung sein. Alles baut auf dem Grundton auf, steht in Beziehung zu ihm und kehrt am Ende zu ihm zurück. Der Grundton ordnet die hellen und dunklen Klänge der Schöpfung, das Dur und Moll des Werdens und Vergehens, er eröffnet die Schöpfungssymphonie und führt sie zum Finale.
Der heilige Bonaventura schreibt über Franziskus: „Auf den Spuren, die er in allen Dingen eingeprägt fand, ging er überall dem Geliebten Gott nach und benützte alle Dinge als Leiter, auf der er emporsteigen und den umfassen konnte, der ganz liebenswert ist. Als ob er im Zusammenspiel der Kräfte der Schöpfung gleichsam eine himmlische Melodie vernommen hätte, ermahnte er sie in Liebe zum Lobe Gottes.“ (Bonaventura, Vita Francisci IX.2)
Im Schönen erkennt Franziskus den Schönsten, im Guten sieht er den Guten, in der Größe der Schöpfung ahnt er den Großen, Allmächtigen, Ewigen. Die Schöpfung wird ihm zur Leiter, die Gott und seine Geschöpfe verbindet.
Und wenn Franziskus am Beginn auch betet: „Kein Mensch ist würdig, dich, Gott, zu nennen“ und zu begreifen, so wird im Sonnengesang eines klar: Gott, das große Geheimnis, ergreift uns, spricht uns an, nennt uns beim Namen. Überall ist er zu finden. Sein flüsternder Hauch ist allgegenwärtig. Denn Gott wirkt nicht von außen in die Welt hinein. Gott ist immer schon da in allem, was lebt und geschieht.
2. Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne, welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest. Und schön ist er und strahlend in großem Glanz: Von dir, du höchster, ein Sinnbild.
Franz von Assisi war als Kind seiner Zeit davon überzeugt, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums ist. Wenn er die Sonne als erstes Geschöpf Gottes lobt, hat das nichts mit unserem heliozentrischen Weltbild, aber sehr viel mit Theologie zu tun.
Schon in der frühen Mythologie galt die Sonne als unsterblich, weil sie jeden Tag neu aufgeht. „Mutter des Lebens“ wurde sie genannt. Sonne ist Licht, Leben und Wärme. Wir alle leben vom Licht und von der Sonne. Gott sprach: Es werde Licht – und es ward Licht! (Gen 1,3).
Beim Aufgang der Sonne kommen die Frauen und die Jünger am Ostermorgen zum leeren Grab. Richtung Osten, der aufgehenden Sonne entgegen, ist diese Kirche und sind viele alte Kirchen gebaut. Der Sonntag ist der Tag des Herrn. Die Lichtsymbolik der Sonne prägt das Christentum.
In Dunkelheit und Leid, im Winter 1224, krank, fast blind und geplagt von vielen Leiden, ist der Sonnengesang entstanden. Franziskus besingt keine heile Welt, aber eine Welt, die immer und in jeder Situation von der Sonne Gottes, von seiner Liebe erhellt und in seinem Licht geborgen ist. Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort.
Die Kraft der Sonne und ihre Strahlen werden für Franziskus zum Abbild Gottes. Denn wie die Sonne jeden Tag neu aufgeht, immer leuchtet, auch wenn dunkle Wolken sie verdecken und wir sie nicht sehen können, so ist Gott immer da, als Licht, das keinen Abend kennt, so leuchtet Christus, die Sonne der Gerechtigkeit.
3. Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne; am Himmel hast du sie gebildet, klar und kostbar und schön.
Auch die Gestirne redet Franziskus als Geschwister, als „Bruder Sonne“ und „Schwester Mond“ an. Das zeigt, dass der Mensch eingewoben ist in ein geschwisterlich, familiäres Verhältnis mit allen Geschöpfen des Universums, sogar mit den Sternen am Himmel. Der Mensch steht der Schöpfung nicht gegenüber, er ist Teil davon und gehört als Bruder und Schwester zur Familie.
Am Mond hat sich der Mensch schon früh orientiert. Die Bibel kennt den Mondkalender: „Du hast den Mond gemacht als Maß für die Zeiten“ heißt es im Psalm 104. Zugleich wird der Mond als der kleinere Partner der Sonne gesehen, denn im Unterschied zur Sonne hat der Mond kein eigenes Licht, er reflektiert nur das Licht der Sonne. Der Mond nimmt zu und nimmt ab, steht für Veränderung und Vergänglichkeit und erinnert mit Vollmond und Neumond, dass Werden und Vergehen zum Leben gehören.
Schwester Mond, das kleinere Licht, das über die Nacht herrscht (Gen1,16) wird in der biblischen Weisheitsliteratur gepriesen „Der Mond herrscht bis ans Ende und dient für immer als Zeichen“ (Sir 43,6).
Und das alte Kinderlied „Weißt du wieviel Sternlein stehen?“ erinnert daran, dass Gott allein die Zahl der Sterne kennt. Obwohl die Sterne uns sehr fern sind, suchen wir doch ihre Nähe. Seit alters her sieht der Mensch eine Beziehung zwischen seinen Wegen auf der Erde und den Bahnen der Sterne am Himmel.
„Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes“, heißt es in Psalm 19.
Die ganze Schöpfung, das Universum, bildet ein Lebensgeflecht, ist Gottes Familie. Mond und Sterne gehören auch dazu.
4. Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken und heiteres und jegliches Wetter, durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.
Nach dem Blick in den Himmel mit Sonne, Mond und Sternen, wendet sich Franziskus den vier Elementen, den vier Urstoffen, aus denen unsere Welt gemacht ist zu: Luft, Wasser, Feuer, Erde.
Auch durch Bruder Wind und jegliches Wetter wird Gott gelobt, so sagt er. Der Wind, der weht wo er will, jegliches Wetter mit Sonne und Regen, mit Hitze und Kälte – alles dient dem Leben der Geschöpfe und lobt dadurch Gott.
Die Rede vom „Schönwetter“ mit Sonne und wolkenlosem Himmel ist in Zeiten des Klimawandels in die Krise geraten. Franziskus lobt Gott für jegliches Wetter, also auch für Regen und Kälte, für Blitz und Donner, nicht nur für strahlenden Sonnenschein.
Bruder Wind - das ist die Luft, die wir atmen, ohne die wir nicht leben können. Es ist die Luft, die Schallwellen transportiert und es uns ermöglicht, Geräusche zu hören, vom leisen Säuseln bis zum pfingstlichen Sturmgebraus. „Ohne dein lebendig Wehn, kann im Menschen nichts bestehn“, heißt es in der Pfingstsequenz.
In der Antike meinten die Menschen, Wind und Wetter seien der Atem der Erde. Wir hören jetzt den Atem der Orgel. Der Orgelwind bringt die Luft in den Pfeifen zum Schwingen und Klingen. Und wenn schon nicht „jegliches Wetter“ – so doch leises Säuseln, pfingstliches Brausen und Dröhnen und Donnern – das kann der Organist mit dem Atem der Riesenorgel in beeindruckender Weise zum Klingen bringen.
5. Gelobt seist du mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es demütig und kostbar und keusch.
Wasser der Urstoff des Lebens als Quelle, Brunnen und Regen, in Flüssen und Seen, im Schnee und Eis, im Tautropfen am Morgen wie auch in der Weite des Meeres.
Vielfältig ist auch die Symbolik des Wassers: Wasser ist Leben und ein Zeichen für Reinheit, Wasser kann auch Tod und Vernichtung bringen, denken wir an die Sintflut. Ruhiges Wasser dient als Spiegel und zeigt die Spannung von Oberfläche und Tiefe auf. Auch die religiöse Bedeutung des Wassers ist vielfältig, von Gott, der Quelle des Lebens, bis zur Taufe.
Das Lob von Schwester Wasser im Sonnengesang soll uns in Zeiten des Klimawandels nachdenklich machen. Vergiften wir das Grundwasser, zerstören wir Flüsse und Meere, so zerstören wir uns und unsere Zukunft. Wenn Wasservorräte durch extreme Trockenheit knapp werden, wird es eng und existenzbedrohend für alle Geschöpfe, auch für den Menschen.
Zuletzt stellt Schwester Wasser auch ganz persönliche Fragen an uns: Mensch, aus welchen Quellen schöpfst du? Wo bist du in deinem Element? Was regeneriert und trägt dich? Wo sehnst du dich nach Reinigung und mehr Lebendigkeit?
6. Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Feuer, durch das du die Nacht erleuchtest; und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.
Feuer wärmt und ermöglicht damit Leben unter widrigen klimatischen Verhältnissen. Aber Feuer kann auch vernichten. Die zerstörerischen Kräfte des Feuers sind oft nicht zu bändigen, denken wir nur an Bilder von verheerenden Waldbränden in diesem Sommer.
Die Möglichkeiten des Feuers bleiben für uns Menschen eine ständige Herausforderung. Er darf eben – wie das Sprichwort richtig sagt – nicht mit dem Feuer spielen.
In der Ambivalenz von Erhaltung und Zerstörung des Lebens hat das Feuer göttlichen Charakter, ja es ist ureigenster Besitz der Götter. So in der Sage von Prometheus, der den Göttern das Feuer geraubt und den Menschen gegeben hat.
In der Bibel offenbart Gott sich im Feuer, im brennenden Dornbusch (Ex 3,2), in der Feuersäule (Ex 13,21), Gott ist verzehrendes Feuer (Hebr 12,29) und Jesus sagt von sich, er sei gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen (Lk12,49).
Über allem Schrecken ist das Feuer aber vor allem ein Symbol der Liebe, die unser Herz entflammt und uns wärmt. Auch das innere Feuer, das uns Energie gibt und antreibt, wenn wir für eine Idee oder eine Aufgabe brennen. Das innere Feuer das uns leuchten lässt, darf nicht vergessen werden.
In dieser positiven Sicht besingt Franziskus das Feuer im Sonnengesang: es erhellt die Nacht, es ist schön, fröhlich und stark.
7. Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.
Mutter Erde. Wir sprechen vom Schoß der Erde, aus dem das Leben hervorgeht. Die Erde steht für Fruchtbarkeit, Mütterlichkeit, für Geburt, Wachsen und Nahrung.
Die Erde, das ist unser Planet, unser Lebensraum, der Stoff aus dem wir sind. Der Mensch ist „adám“, das heißt übersetzt Erdling, aus Erde gemacht. Adám ist nicht bloß ein Name, sondern eine Wesensbezeichnung. Dem Erdling bläst Gott den göttlichen Lebensatem ein. Damit ist nicht nur die Erde, sondern auch der Himmel unser Element, unser Lebensraum. Zwischen Himmel und Erde - in dieser Spannung lebt der Mensch.
Nicht nur der Mensch ist an die Erde, an den Humus und das Humane gebunden, sondern auch die Erde an den Menschen. Mensch und Erde sind eine Schicksalsgemeinschaft. Darum preist Franziskus die Erde im Sonnengesang als Schwester und Mutter.
Es ist traurig, wenn Kinder ihre Mutter vergessen.
Die Erde will nicht erobert und ausgebeutet, sondern geliebt und geachtet werden.
Die Erde gehört uns nicht. Wir gehören zur Erde. Und alle Geschöpfe gehören Gott.
8. Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Krankheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.
Jetzt endlich! In der 8. Strophe des Sonnengesangs kommt endlich auch der Mensch vor. Allerdings nur unter einem bestimmten Gesichtspunkt: Der Mensch wird nicht in seiner Größe, sondern in den größten Herausforderungen des Lebens gesehen. Es geht um Unfrieden, Krankheit und Not. Gepriesen wird Gott durch jene Menschen, die ertragen, verzeihen, geduldig bleiben und auf diese Weise zum Frieden finden und Frieden stiften.
Diese Menschenstrophe und die folgende letzte hat Franziskus erst spät, kurz vor seinem Sterben hinzugefügt. Er besingt den Menschen nicht als Herrscher oder als Krone der Schöpfung, sondern als einen, der verzeiht und geduldig bleibt, der Leid erträgt und dem Frieden dient. Sein Menschenbild nimmt an Jesus Christus, dem neuen Menschen, Maß.
Und Hand aufs Herz: Gibt es einen besseren Weg, mehr Menschlichkeit, mehr Frieden und Gerechtigkeit in die Welt zu bringen als den Weg, den Jesus Christus uns vorgelebt und gezeigt hat?
Die Herrscher und Mächtigen dieser Welt, die selbsternannten Rettergestalten, sind sie die Kronen oder eher die Dornenkronen der Schöpfung?
Der rote Faden, der sich durch alle Strophen des Sonnengesangs zieht, wird in der Menschenstrophe besonders deutlich: es gibt kein Herrschen und Ausbeuten für Franziskus: hier die Geschöpfe - da der Mensch, und auch kein Gegenüber: hier die Schöpfung - da die Krone der Schöpfung. Nur im geschwisterlichen Miteinander, nur versöhnungsbereit, geduldig und friedfertig können alle Geschöpfe gut existieren. Die Menschenstrophe des Sonnengesangs erinnert uns: Gottes gute Schöpfung braucht Menschen, die das „Du, Wir, Unser“ über das „Ich, Mich, Meins“ stellen.
9. Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben. Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
Die letzte Strophe des Sonnengesangs bleibt rätselhaft. Bis jetzt war alles klar: die Schönheit von Sonne, Mond und Sternen ist ein Sinnbild für Gottes Größe. Schon ihr Anblick führt zum Staunen und zum Lobpreis Gottes.
Bei den vier Elementen bewirkt ihr Dienst den Lobpreis Gottes, denn Wind und Wetter, Wasser, Feuer und Erde erhalten uns am Leben und machen dadurch Gottes Sorge und Güte sichtbar. Die letzte Strophe, das Lob des Todes, will zu diesem kosmischen Lobpreis nicht so recht passen. Wieso wird Gott durch den Tod gepriesen?
In der letzten Strophe des Sonnengesangs wird besonders deutlich, dass die Spiritualität des Franziskus sich nicht in der Liebe zur Natur oder der Achtung vor allen Lebewesen erschöpft, sondern christologisch geprägt ist. Der gesamte Sonnengesang baut auf einer Erfahrung auf: Gott zeigt sich, er teilt sich mit. Er tut das nicht nur in der Schöpfung, sondern in einzigartiger Weise in Jesus Christus, dem neuen Menschen.
Auch im Aussätzigen, den Franziskus umarmt hat, im Kind in der Krippe, im Gekreuzigten, in der Eucharistie ist Franziskus Gott begegnet, hat er Christus erkannt.
Die Verbindung zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch, geschieht besonders dann, wenn der Mensch an Christus Maß nimmt und ihn nachahmt: im Verzeihen und Friedenstiften, im Ertragen von Unrecht, Krankheit und Leid, und letztlich in der Annahme des eigenen Todes, der dadurch zum Bruder Tod wird. Sogar die Wunde des Todes und auch alle anderen Wunden des Lebens sind im Blick auf Christus für Franziskus Berührungspunkte Gottes. Im Sonnengesang preisen auch die Wunden Gott, weil er Wunden heilen und verklären kann.
Wir sehen heute Wunden, Krankheit und Tod als Probleme, deren technische Lösung in greifbare Nähe gerückt zu sein scheint. Wir wollen vom Tod nichts mehr hören und haben dadurch auch verlernt auf Gnade, Erlösung und Verklärung zu hoffen.
Franziskus war ein Mensch des Mittelalters. Krankheit, Leid und Tod waren für ihn allgegenwärtig. Die Hoffnung auf das ewige Leben und die Angst vor dem zweiten Tod, der ewigen Verdammnis, waren ihm nicht fremd.
Für ihn wurden die ganze Schöpfung und alles, was menschliches Leben ausmacht, selbst Krankheit und Tod, zu einem Weg, auf dem der Mensch Gott finden und in die Christusgestalt, in die Gestalt des neuen Menschen hineinwachsen kann.