Das franziskanische Jubiläumsjahr zeigt eindrücklich, dass Franz von Assisi auch 800 Jahre nach seinem Tod Menschen bewegt und dass seine Spiritualität ungebrochen aktuell ist. Er fasziniert Christen und Nichtchristen in vielerlei Hinsicht: als Anführer des Protests gegen eine Konsum- und Wohlstandsgesellschaft, als Anwalt des naturverbundenen Lebens in Armut, als Tier- und Umweltschützer und Mann des Friedens. Alle diese Franziskusbilder haben etwas Wahres, aber Franz von Assisi ist viel mehr.
Die drei eben gehörten Schrifttexte wollen uns in sein Lebensgeheimnis hineinführen. Dieses Geheimnis möchte ich „Transitus“ nennen. Denn nicht nur der Tod des heiligen Franziskus war ein Transitus, ein Hinübergehen in die neue Welt Gottes, sondern sein ganzes Leben war Schritt für Schritt ein Hinübergehen, alles loslassen, alles zurücklassen und Christus nachfolgen, hinübergehen in ein neues Leben, das sich radikal am Evangelium ausrichtet, zur neuen Schöpfung werden.
In der 1. Lesung wurde ein Mann gepriesen, als der größte unter seinen Brüdern, einer, der wie die Sonne leuchtete. So wird im Buch Jesus Sirach der Hohepriester Simon beschrieben. Er hat den zerstörten Tempel Gottes und die Mauern Jerusalems wiederaufgebaut, um das Volk zu retten (Sir 50,1.3-7). – Diese Priestergestalt des Alten Bundes ist wie ein Hinweis auf Franziskus, der von Christus den Auftrag erhalten hat: Bau meine Kirche wieder auf, die in Trümmern liegt!
Ich war vor einem Monat in Assisi und habe wieder die berühmten Fresken von Giotto angeschaut. Eines dieser Wandbilder zeigt den berühmten Traum des Papstes: Innozenz III. schläft in seinem Bett und sieht in einer Vision einen jungen Mann, der die Kirche des Papstes, die schief steht und einzustürzen droht, stützt und vor dem Einsturz bewahrt.
Im 12. Jahrhundert war die Kirche durch die Gier nach Reichtum und die Machtpolitik der kirchlichen Amtsträger arg beschädigt und geschwächt. Das Konzept für den Wiederaufbau der Kirche fand Franziskus im Evangelium, und nur im Evangelium, ohne Kommentare, ohne frommes Gerede, durch das die Worte Jesu verdünnt und relativuiert werden. Franziskus hat Jesus beim Wort genommen und danach gelebt, radikal gelebt.
Das ist ein erster Transitus, ein erster Schritt des Hinübergehens, den dieser große Heilige uns lehren kann: Vom Traum des Papstes zur Realität, vom Wunschdenken und Betroffensein hinübergehen und den ersten Schritt zur konkreten Tat wagen. Von einer neuen, anderen Kirche zu träumen ist zu wenig. Zupacken, mithelfen, aufbauen – das zeigt uns Franziskus, der ja nicht nur das verfallene Kirchlein von San Damiano, sondern durch die Armutsbewegung seiner franziskanischen Ordensfamilie die gesamte Kirche aufgebaut und reformiert hat. Als er mit 45 Jahren erschöpft gestorben ist, hatte der Bettelmönch von Assisi innerhalb weniger Jahre nicht nur die Kirche, sondern die Welt verändert.
Wir alle, liebe Schwestern und Brüder, können Kirche mitbauen und die Welt verändern, wenn wir das leben, was wir vom Evangelium begriffen haben, und sei es nur ein einziges Wort: Frieden, Liebe, Samariter, dienen, nachfolgen. Wagen wir den Transitus, den Übergang von einem lauwarmen Christsein zur Begeisterung. Vom Wunschdenken zur konkreten Tat. Denn der Auftrag Jesu „Geh, und bau meine Kirche auf!“ gilt heute uns allen.
Von einem anderen Transitus handelt die 2. Lesung. Paulus schreibt im Brief an die Galater: Ich „trage die Leidenszeichen Christi an meinem Leib“ (Gal 6,17). Die Begegnung auf dem Berg La Verna, als der Gekreuzigte in einem geflügelten Seraph Franziskus berührt und verwundet hat, war auch eine Transitus-Erfahrung im Leben des Heiligen. Danach konnte Franziskus wie Paulus sagen: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.
Der heilige Bonaventura beginnt die Geschichte von den Stigmata damit, dass er an die Jakobsleiter erinnert, auf der die Engel Gottes auf- und niedersteigen. Das christliche Leben ist immer ein solches Auf- und Niedersteigen: im Gebet aufsteigen zu Gott und dann im konkreten Leben, im Alltag herabsteigen und sich bücken, zu den ärmsten Schwestern und Brüdern, in denen Christus uns begegnet.
Das ist der zweite Transitus, den Franziskus uns lehrt: Gebet und Arbeit, Gottesdienst und Menschendienst – Christsein heißt immer in dieser Spannung und im Übergang leben.
Und wenn wir auch nicht wie Franziskus die Wundmale Jesu an unserem Leib tragen, so können wir doch seine Wundmale berühren, denn in den Wunden der Schöpfung, im Leid und in der Not unserer Schwestern und Brüder begegnet uns der verwundete Christus. Franziskus lädt uns ein zu einem Transitus, zum Schritt von distanzierter Kälte oder Gleichgültigkeit hin zur Nähe, zur Berührung und zur gelebten Liebe. Vom Streit zur Versöhnungsbereitschaft vom Kriege führen zum Frieden stiften.
Den dritten Transitusschritt, den Franziskus uns zeigt, finde ich im Evangelium. Nicht die Weisen und Klugen, sondern die unmündigen und die Kleinen Menschen preist Jesus selig. Ihnen will Gott die Geheimnisse seines Reiches offenbaren. Franziskus ist der exemplarisch Kleine und Unmündige. „Il Povorello“, der kleine Arme, so wurde er genannt.
Viele hielten ihn für einen Spinner, er wurde von den Kindern ausgelacht und mit Steinen beworfen, seine Familie hat sich für ihn geschämt. In der schnell wachsenden Ordensgemeinschaft konnte er seine Ideale der radikalen Armut nicht durchsetzen. Mitbrüder begegneten ihm ablehnend, er fühlte sich missverstanden und hat sogar überlegt die Gemeinschaft, die er gegründet hat zu verlassen. In seinen letzten Lebensjahren wurde er von Krankheit und Leid geplagt, und hat trotz allem immer wieder betont: ein Minderbruder muss fröhlich sein.
Franz von Assisi gehört nicht zu den Weisen, Klugen und Erfolgreichen dieser Welt, sondern zu den Kleinen und Unmündigen, denen Gott die Geheimnisse seines Reiches geoffenbart hat. Eines dieser Geheimnisse lautet: der Arme ist nicht der Bedürftige, sondern der Vollkommene, denn der Arme ahmt Christus in vollkommener Weise nach. Der Sohn Gottes hatte keinen Besitz, kein Hab und Gut, ja er wurde unseretwegen so arm, dass er sich sogar von Gott, seinem Vater, verlassen fühlte. Darum galt für Franziskus der Grundsatz: Ein Christ ist arm, oder er ist eben kein Christ. Das hat er radikal gelebt.
Was heißt das für uns? – Franziskus fordert uns auf, als Kirche, als Christenmenschen immer mehr zu einer Kontrastgesellschaft zu werden. Er verlangt von Christen einen Transitus, ein Hinübergehen auf die Seite des Evangeliums, weg von dem, was die Mehrheit sagt, denkt oder tut, weg vom angepassten gemütlichen Leben hin zu einer Existenz, die sich am Wort und am Leben Jesu orientiert. „Die Option für die Armen ist keine Randnotiz, sondern Familienangelegenheit“, hat Papst Franziskus gesagt.
Da habe ich, da haben wir als Kirche noch vieles von Franziskus zu lernen: ein distanziert-kritisches Verhältnis zur Konsumgesellschaft, eine geschwisterliche Beziehung zu allen Geschöpfen und zur Mutter Erde, eine große Liebe zu den Armen, Kranken und Schutzbedürftigen, und vor allem Demut – den Mut zum Dienen, zum Helfen und Teilen.
Il Povorello, der kleine Arme, ist vor 800 Jahren durch Krankheit, Leid und Tod hinübergegangen in die Vollendung, in das neue Leben, in die ewige Freude des Himmels. Sein ganzes Leben war ein Transitus, ein Überschreiten von Grenzen und Konventionen hin zu einem radikalen christlichen Leben, zu einer immer tieferen Beziehung zu Christus dem Gekreuzigten.
Friedrich Nietzsche sagte im Blick auf Jesus Christus: „Im Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz.“
Diese Behauptung hat Franz von Assisi widerlegt. Er wurde als zweiter Christus verehrt, und in seiner Nachfolge als der letzte Christ bezeichnet.
Franziskus, der letzte Christ? Es liegt an uns, diese Behauptung zu widerlegen.